Majestät im Landeanflug – Tagebuch einer Hummelkönigin

Man nennt mich Hildegard, doch im Hofstaat heiße ich natürlich weiterhin Ihre Pelzigkeit, Gründerin des zukünftigen Großreichs „Komposthaufen Nord“. Hildegard klingt vielleicht nach Kräutertee und Handarbeitszirkel – aber glaub mir: Ich habe Flügel aus Muskeln und einen Stachel mit Haltung.

Im Moment bin ich allerdings vor allem eins: hungrig. Sehr hungrig. Winterschlaf ist kein Wellnessurlaub, das kann ich dir sagen. Sechs Monate Dunkelheit, kein Nektar, kein Klatsch aus dem Nachbarbeet – nur ich und meine Träume von Frühblühern.

Und dann – zack – ein lila Leuchten im Biokleingarten.

Die ersten Krokusse!

Für euch sind sie vielleicht einfach nur hübsch. Für mich sind sie das Frühstücksbuffet nach einer sehr langen Fastenzeit. Ich lande etwas unsanft – die Flügel sind noch im Stand-by-Modus – und stecke meinen Kopf tief hinein. Herrlich. Pollen so frisch, dass selbst die Bienen neidisch rüberblinzeln.

„Majestät“, ruft der Wind und schubst mich beinahe in Richtung Hochbeet.

„Nicht jetzt“, brumme ich mit vollem Mund.

Euer Schrebergarten ist übrigens ein hervorragendes Königreich. Keine synthetischen Gifte, überall wilde Ecken, hier ein Haufen Laub, dort ein bisschen Totholz – Luxusimmobilien für zukünftige Kinderstuben. Während ihr Menschen noch diskutiert, ob der Rasen akkurat genug gemäht ist, prüfe ich bereits Mauslöcher auf ihre Eignung als Palast.

Eine Hummelkönigin ist nämlich nicht nur Genießerin, sondern Unternehmerin. Ich brauche:

  • einen geschützten Nistplatz
  • reichlich Frühblüher (Krokusse sind der Auftakt, ich sehe euch!)
  • später im Jahr Stauden, Kräuter und vielleicht ein paar Wildtomaten
  • und bitte: keine Ordnungsliebe, die alles wegräumt, was „unaufgeräumt“ aussieht

Neulich bin ich beinahe mit einem Regenwurm zusammengestoßen. Er behauptete, er sei der eigentliche Herrscher des Gartens. Bodenadel, sozusagen. Ich habe höflich genickt. Man muss Koalitionen schmieden. Er lockert den Boden, ich bestäube die Krokusse – jeder trägt seinen Teil zur Weltherrschaft bei.

Die Krokusse selbst sind übrigens ausgesprochen gesprächig.

„Mehr Pollen?“ flüstern sie.

„Aber natürlich“, sage ich, während ich mich darin wälze wie ein Hund im Herbstlaub. Wenn ich wieder herauskrabble, sehe ich aus, als hätte ich ein gelbes Puderfass geplündert. Majestätlich, versteht sich.

Bald werde ich mein Nest gründen. Dann lege ich die ersten Eier, wärme sie mit meinem pelzigen Körper und versorge sie persönlich. Keine Hofdamen, kein Personal. Eine Königin macht das selbst. Erst wenn meine Töchter schlüpfen, beginnt das eigentliche Summen des Reiches.

Bis dahin streife ich weiter durch euren Biogarten. Prüfe Nektarquellen. Mustere Blüten. Ignoriere skeptische Spatzen. Und jedes Mal, wenn ich die lila Kelche der Krokusse sehe, denke ich:

Der Frühling gehört uns.

Also bitte, lieber Gartenmensch:

Lasst ein paar Ecken wild. Pflanzt Frühblüher. Und wenn ihr ein tiefes, zufriedenes Brummen hört – keine Sorge.

Das bin nur ich.

Hildegard.

Beim Frühstück.

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