Ich bin Erna. Erna von Efeu, wenn man’s genau nimmt. Seit Generationen leben wir Spinnen hier – eine stolze Linie von Achtbeinern mit dem Auftrag, Ordnung in dieses organische Chaos zu bringen, das Menschen „Bioschrebergarten“ nennen.
Mein Wohnsitz: das alte Gewächshaus mit den gesprungenen Scheiben und dem charmanten Duft nach feuchter Erde, Kompost und gelegentlichem Tomatenblatttee. Ich liebe es. Es ist warm, geschützt – und voller dummer Insekten, die denken, „bio“ bedeute „ohne natürliche Feinde“. Ha! Wie unbeirrbar optimistisch sie sind.
Morgens im Gurkenpalast
Wenn die Sonne durchs Glas kriecht, dehnt sich das Leben in allen Ecken. Der Basilikum streckt sich, die Tomate prahlt mit neuen Blüten, und ich – ich überprüfe die Sicherheitslage. Mein Netz zieht sich wie feinster Seidenvorhang zwischen Gurkenranken und Rankhilfe. Es glitzert im Tautropfenlicht. Ich nenne es: die unsichtbare Verteidigungslinie der Gemüsefreiheit.
Manchmal kommt der Gärtner vorbei – Latzhose, Strohhut, dieses zufriedene Summen auf den Lippen. Er sieht mich, nickt anerkennend und sagt: „Na, du kleines Fräulein, fleißig wie immer?“
Ich nicke natürlich nicht – das wär unprofessionell – aber manchmal lasse ich die Fäden kurz vibrieren. Das ist Spinnen-Etikette für: Freut mich, dass du’s bemerkt hast.
Er nennt mich „Nützling“. Ein Titel, den ich mit Würde trage. Wir Spinnen haben ja unseren Ruf – die einen schreien, die anderen schlagen mit Besen nach uns. Aber nicht mein Gärtner. Der hat’s verstanden. In seinem Notizbuch steht sogar: „Spinnen = lassen! Sehr nützlich.“ Ich weiß das, weil ich nachts drauf sitze.
Blattlaus-Battle bei den Paprika
Einmal im Juni – es war heiß, die Luft stand still, und der Kompost roch nach Abenteuer – startete eine Horde Blattläuse ihren Angriff. Zuerst harmlos. Zwei, drei auf der Unterseite der Paprikablätter. Ich dachte mir noch: Lass sie, das regelt sich.
Aber dann… dann wurden’s mehr. Ganze Kolonien! Eine grüne Armee auf Zuckertrieb. Ich konnte nicht länger zusehen.
Also spann ich mein bestes Netz, direkt über dem feinsten Blatt. Innerhalb einer Stunde hatte ich drei Rekruten gefangen, fünf in Panik vertrieben und zwei aus reiner Pädagogik leben lassen – man muss ja zeigen, wer hier die Kontrolle hat.
Am nächsten Tag kam der Gärtner, beugte sich über die Pflanze, grinste zufrieden und murmelte: „Keine Läuse mehr… das Fräulein Erna war wieder fleißig.“
Ich schwöre, ich sah ihn fast ehrfürchtig nicken. Ich fühlte mich wie eine Gärtnerinnenkönigin mit acht Beinen.
Zwischen Tomaten und Philosophie
Wenn abends das Licht schwächer wird, sitze ich oft still im oberen Eck, dort, wo das Glas beschlagen ist. Ich höre die Blätter atmen, das Summen der letzten Hummeln, und ich denke über die Welt nach:
Warum fürchten sich Menschen vor uns, wo wir sie doch beschützen?
Warum schrubben sie Fenster und zerstören dabei wahre Kunstwerke aus Seide?
Und warum sagen sie „Spinnst du?“ – als wär’s was Schlechtes?
Ich verstehe die Menschen nicht immer. Aber ich mag diesen hier. Er redet mit mir, als wär ich Teil des Teams. Vielleicht bin ich das ja wirklich.
Der große Herbstputz
Im Oktober wird’s kühl. Der Gärtner wischt die Fenster, stapelt Töpfe, redet etwas von „Saisonende“. Ich weiß, was das heißt: Weniger Fliegen, weniger Spaß.
Also baue ich mein Netz etwas dichter, suche mir den wärmsten Winkel – direkt über der Wassertonne – und mache Inventur. Drei Fliegen, eine Motte, ein winziger Zikadenrest. Vorrat für zwei Wochen.
Der Gärtner wirft mir noch einen letzten Blick zu. „Mach’s gut, kleine Freundin. Nächstes Jahr wieder, hm?“
Ich blinzle (was bei acht Augen eine ganze Weile dauert) und denke: Natürlich. Wer sonst soll deine Gurken bewachen?
Dann senkt sich die Sonne über den Komposthaufen, und alles riecht nach Erde, Zufriedenheit und Herbst. Ich bin Erna, die Spinne vom Gurkenpalast.
Nützling, Netzwerkerin, Hüterin des Gleichgewichts.
Und ehrlich gesagt – der Schrebergarten wäre ohne mich längst von Blattläusen regiert.