Zen im Beet – Die Lehre des Kiesels

Ich bin ein großer Flusskiesel.

Rund, schwer, unspektakulär.

Früher trug mich das Wasser.

Heute trägt mich die Erde.

Ich liege zwischen Mangold und Ringelblumen, halb eingesunken in dunklen, lebendigen Boden. Die Menschen nennen das hier „Bio“. Ich nenne es: Kreislauf.

Über Geduld

Die Schnecke kriecht über mich hinweg.

Sie hat es nie eilig.

Manchmal dauert es Stunden, bis sie meine Rundung überquert. Kein Widerstand, kein Drama. Nur Bewegung im eigenen Tempo.

Der Mensch daneben lockert hektisch die Erde, prüft das Wachstum, misst Feuchtigkeit.

Ich habe gelernt:

Wachsen geschieht nicht schneller, nur weil man daran zieht.

Über Kontrolle

Ein Kind stellt seinen Fuß auf mich.

Es glaubt, fest zu stehen.

Ein winziges Kippen genügt – und es wankt. Es lacht. Es findet sein Gleichgewicht neu.

So ist es mit allem hier:

Tomaten ranken, bis der Wind sie beugt.

Bohnen klammern sich, bis sie loslassen müssen.

Kontrolle ist eine höfliche Illusion.

Gleichgewicht ist ein ständiges Üben.

Über Wandel

Ich wurde vom Fluss geformt.

Hier formt mich die Zeit.

Regen kühlt mich. Sonne wärmt mich. Im Winter trage ich Reif wie einen stillen Orden.

Neben mir zerfällt Kompost zu Erde.

Aus Erde wächst Salat.

Aus Salat wird Mahlzeit.

Aus Mahlzeit wird wieder Erde.

Ich bewege mich nicht –

und bin doch Teil der Bewegung.

Über das Sein

Die Gärtnerin hebt mich manchmal an.

„Der schwere Brocken“, sagt sie.

Sie ahnt nicht:

Ich halte kein Beet zusammen.

Ich halte keinen Zaun.

Ich halte nur Raum.

Raum für Insekten im Schatten.

Raum für Füße, die innehalten.

Raum für Gedanken, die langsamer werden.

Vielleicht ist das genug.

Wenn der Abend kommt und das Licht flach über den Garten streicht, glänze ich noch einmal wie früher im Fluss.

Und ich denke:

Man muss nicht rollen, um seinen Platz zu finden.

Manchmal reicht es, still zu liegen –

und alles bewusst zu spüren. 🌿

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